16.02.22 08:00 – Kommunikation, Trends

Wie wir mit verschiedenen Lesetechniken an einen Text herangehen können

Lesen ist nicht gleich Lesen – das kennen wir aus eigener Erfahrung. Manchmal gehen wir einen Text vom ersten bis zum letzten Buchstaben durch, dann wieder flitzen wir im Schnellzugstempo durch die Zeilen. Unsere Leseabsicht bestimmt die Art und Weise, wie wir eine Lektüre gestalten. In diesem Beitrag stelle ich einige Lesetechniken vor und beschreibe, für welche Leseziele sie sich am besten eignen.

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Verschiedene Zutaten mischen mit, wenn es darum geht, den Charakter und die Eignung von Lesetechniken zu untersuchen. Eine Rolle spielt der Kanal, wie kürzlich meine Kollegin Vanessa Lange in ihrem Blogbeitrag «Blättern oder scrollen? Warum wir offline und online unterschiedlich lesen» erläuterte. Immer relevant ist der Beweggrund, der uns überhaupt zur Entscheidung führt, etwas zu lesen. Eine weitere gewichtige Komponente ist die Zeit, die wir uns gönnen, um einen Text zu lesen. Was will ich erreichen? Und wie viel Zeit habe ich dazu? Diese Fragen sollten wir also in der Folge für jede der vorgestellten Lesetechniken beantworten.

Vollständiges Lesen – die klassische Buchlektüre

Beim vollständigen Lesen geht es darum, das Gesamtverständnis über den Text zu erhalten. Das erfordert eine ganzheitliche und gründliche Lektüre in nicht zu hohem Tempo. Wir haben hier nicht den Anspruch, das Gelesene für Lernzwecke abzuspeichern, im Anschluss weiterzuverarbeiten oder mit anderen Texten in Beziehung zu setzen. Ich stelle mir hier folgende Lesesituation vor: Sie sitzen nach vollbrachtem Tagewerk gemütlich im Sofasessel, neben Ihnen ein Glas Rotwein oder eine dampfende Tasse Tee, und haben den Roman ihrer Wahl aufgeschlagen. Oder Sie blättern in der Architekturzeitschrift und treffen auf einen spannenden Hintergrundartikel. Nun werden Sie sich die Zeit nehmen, um sich voll in den Text zu vertiefen, und die Lektüre vom ersten bis zum letzten Buchstaben geniessen – vorausgesetzt natürlich, Sie nicken nicht schon vorher ein.

Orientierendes Lesen – sich einen Überblick verschaffen

Beim orientierenden Lesen richten wir unseren Blick auf grafisch hervorgehobene Elemente wie Überschriften, Leads, Zwischentitel, Bildlegenden, Bildbeschreibungen oder Infotexte in Kästchen und verschaffen uns so inhaltlich einen Überblick über den Text. Orientierendes Lesen findet statt, wenn wir uns durch Zeitungen blättern oder Webseiten scrollen. Während der Lektüre entscheiden wir immerzu, ob wir weiterlesen wollen. Wir erarbeiten uns sozusagen eine Entscheidungsgrundlage, wie wir mit dem Text weiter verfahren wollen. Manchmal kommt es vor, dass wir Sätze mittendrin abbrechen und anderswo fortfahren – oder aber ganz kapitulieren. Haben wir uns einen Überblick verschafft und das Gelesene entspricht unseren Erwartungen an den Text, kann es aber durchaus sein, dass wir ins vollständige Lesen übergehen.

Selektives Lesen – der Weg der Informationsbeschaffung

Selektives Lesen ist die richtige Wahl, wenn wir bestimmte Informationen aus einem Text heraussuchen möchten. Die Fragen, die uns der Text beantworten soll, haben wir bereits vor der Lektüre formuliert. Es geht jetzt also nur noch darum, an Antwortmaterial zu gelangen. Werden wir fündig, lesen wir die entsprechenden Stellen genau durch und verarbeiten sie womöglich – zum Beispiel wenn wir sie als Quelle für eine wissenschaftliche Arbeit oder einen journalistischen Hintergrundbericht brauchen. Selektives Lesen fällt uns leichter, wenn Texte gut strukturiert und inhaltlich logisch aufgebaut sind. Aufgrund abgespeicherter Textmuster kennen wir die Dramaturgie solcher Texte und wissen, wo wir schnell fündig werden können.

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Wir haben unterschiedliche Triebfedern, uns an einen Text zu machen. Entsprechend unterschiedlich sind auch die Lesetechniken.

 

Kursorisches Lesen – das Speed Dating unter den Lesetechniken

Kursorisches Lesen können wir mit dem besser bekannten «Überfliegen» oder Querlesen gleichsetzen. Ziel dieser Lesetechnik ist, in kurzer Zeit möglichst viel Inhalt aus einem Text herauszuziehen. Am Ende der Lektüre hat man einen Gesamtüberblick über einen Text, ohne Details und Nebenschauplätze zu kennen oder Argumentationsketten vollständig wiedergeben zu können. Ein trendiges Thema ist hier das Schnelllesen, auch bekannt unter dem Namen «Speed Reading». Es erfordert eine hohe Konzentration und Übung, kann aber äusserst effizient sein. Beim Schnelllesen geht es darum, den Text gleichsam von links oben diagonal nach rechts unten zu durcheilen. Der Text wird überflogen, die Augen treiben die lesende Person unermüdlich vorwärts. Bei der Lektüre erfolgt kein inneres oder lautes Nachsprechen des Gelesenen. Speed Reading funktioniert, weil das Gehirn beim Lesen die Hauptarbeit verrichtet. Es erkennt Textzusammenhänge blitzschnell und braucht dazu nicht jedes einzelne Wort. Das ist auch der Grund, warum wir einen völlig falsch geschriebenen Satz wie den folgenden trotzdem schnell verstehen: «Usner Ge?i%n i*t eni uWndrewker udn knna d&s heir plobremsol lseen.»

Inspiratives Lesen – Lektüre nach Lust und Laune

«Inspirativ» drückt es schon aus – hier stehen Kreativität, Ideenreichtum und ein Stück weit auch Planlosigkeit im Vordergrund. Ziel dieser Form von Lektüre ist, sich von Texten anregen zu lassen. Auch der Spassfaktor spielt eine Rolle. Vor allem der Onlinekanal eignet sich hervorragend für das inspirative Lesen, da er Texte verlinken und mit animierenden oder auch interaktiven Formaten verknüpfen kann. Inspiratives Lesen ist oft zeitintensiv, weil man ohne Plan in einen Text einsteigt und sich in der Lektüre und den weiterführenden Elementen verlieren kann oder will.

Studierendes Lesen – Inhalte abspeichern und vertiefen

Das studierende Lesen schliesst den Kreis und wir knüpfen wieder beim vollständigen Lesen an. Es geht sogar noch über diese Form des gründlichen Lesens hinaus, weil wir es mit dem Anspruch verbinden, gelesene Inhalte nicht nur zu verstehen, sondern abzuspeichern, zu verarbeiten und zu vertiefen. Studierendes Lesen kennen wir alle aus der Aus- und Weiterbildung. Nicht selten nehmen wir uns beim studierenden Lesen eine Textstelle ein zweites Mal vor. Und wir lesen den Text nicht nur, sondern bearbeiten ihn, um uns das Gelesene besser merken zu können: Wichtiges wird unterstrichen oder markiert, Stichworte werden an den Rand geschrieben, Kernaussagen zusammengefasst oder Textbezüge in Mindmaps herausgearbeitet.

Kontrollierendes Lesen – Texte korrigieren und redigieren

Kontrollierendes Lesen hat zum Ziel, die Qualität von Texten zu überprüfen und diese gegebenenfalls zu optimieren. Geht es um reines Korrekturlesen, werden inhaltliche Bezüge bei der Lektüre ausgeblendet, der Fokus wird auf die sprachliche Umsetzung gelegt. Beim Redigieren muss der Text aber ganzheitlich erfasst werden, entsprechend steigt der Zeitaufwand. Diese letzte Form des Lesens ist uns allen – so hoffe ich – vertraut. Sie sollte nämlich immer dann zum Zug kommen, wenn wir einen Text geschrieben haben, den andere Menschen lesen werden.

Zum Schluss würde mich natürlich interessieren, mit welcher Technik Sie diesen Blogbeitrag gelesen haben ... Ich finde, alle haben ihren Reiz. Ich hoffe einfach, Sie sind bei der Lektüre nicht eingeschlafen – und wenn doch, dass der Tee schuld daran war.

 

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