31.08.22 08:00 – Kommunikation

Hommage an die Gallier – wie das Französische unsere Sprache bereichert

Junkmail, Dressing, chillen, fancy – immer mehr englische Wörter finden Eingang in die deutsche Sprache. Dabei geht vergessen, dass unsere Entlehnungen aus dem Französischen nach wie vor dominieren. Wir haben uns einfach an sie gewöhnt, während die oft schrillen Anglizismen manche abschrecken. Eine kleine Hommage an integrierte französische Ausdrücke, die Freude machen.

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Gallizismus (von lateinisch «gallicus» = «gallisch», «französisch») ist der Fachausdruck für ein entlehntes französisches Wort in einer anderen Sprache. SRF-Mundartexperte Markus Gasser geht davon aus, dass unser Wortschatz aus rund 8,5 Prozent Gallizismen besteht, während Anglizismen nur rund 3 Prozent ausmachen – noch! Denn die Entlehnungen aus dem Englischen sind auf dem Vormarsch. Kunststück, Englisch ist als Welt- und Wissenschaftssprache in einer starken Position. Früher war das anders. Englisch interessierte niemanden, Französisch aber galt als edle Sprache. Wer etwas auf sich hielt, versuchte es in seinen Wortschatz zu integrieren. Gerade in der Schweiz mit ihren historisch begründeten starken Verflechtungen mit Frankreich und besonders in den ans französische Sprachgebiet angrenzenden Regionen haben sich viele französische Ausdrücke halten können. Hier eine beliebig zusammengestellte Auswahl.

 

  • A wie Aperitif: Stammt vom französischen «apéritif», das wiederum lateinischen Ursprungs ist: «aperire» = «öffnen». Ein Apéro – in der Schweiz hat sich die Kurzform mit «é» etabliert – ist ein appetitanregendes Getränk, ein Magenöffner. Etymologisch hat Aperitif aber nichts mit Appetit zu tun. Dieser geht auf das lateinische «appetitus» = «Verlangen», «Begierde» zurück.

  • B wie Bagatelle: Wir verwenden das Wort, wenn wir von einer unbedeutenden Angelegenheit reden, die unnötig aufgebauscht wird. Man vermutet, dass das französische «bagatelle» aus dem italienischen «bagatella» entlehnt wurde, andere sehen im lateinischen «baca» = «Beere» den Ursprung. Das Bild dahinter: Die kleine Beere ist nichts gegen den vollfruchtigen Apfel. Aber: So richtig säuerlich erregt sie doch ziemlich Aufsehen …

  • C wie Charme: Bezeichnet eine gewinnende, bezaubernde Eigenschaft eines Menschen. Das Verb «charmer» bedeutet im Französischen «bezaubern», «entzücken». Und Sie ahnen es, wieder steht ein lateinisches Wort am Anfang: «carminare» = «besingen», «bezaubern». Das Französische ist eben wie das Italienische oder das Spanische eine lateinische Sprache, es entstand aus dem gesprochenen Latein des Römischen Reiches, dem sogenannten Vulgärlatein.

  • D wie Delikatesse: Von «délicieux» oder «délicat» herrührend, wobei sich der erste Ausdruck auf Kulinarisches bezieht («köstlich»), der zweite auf eine Situation («heikel»). Viele Lehnwörter aus dem Französischen haben mit Essen und Trinken zu tun, das Gourmet-Land prägte dieses Vokabular über seine Grenzen hinaus. Gerade bei einem festlichen Diner in vornehmen Kreisen konnte man aber schon mal in eine delikate Situation geraten.

  • E wie Elan: Wie im Französischen («élan») steht das Wort für Schwung oder Begeisterung. Es geht auf das Verb «élancer» = «hervorbrechen» zurück. Auf allen Seiten also eine dynamische Sache.

  • F wie flanieren: Zugrunde liegt das in der Normandie gebräuchliche Dialektwort «flâner», übersetzt «bummeln», «herumschlendern». Die Menschen flanieren da durch die typischen Fischmärkte, wir haben eher Seepromenaden oder schmucke Altstadtgassen im Sinn.

  • G wie Garderobe: Die Schweizergarde beschützt («garder») den Papst, die Garderobe die Kleider («les robes»).

  • H wie Hangar: Auch im Französischen bezeichnet «hangar» eine Flugzeughalle. Gemäss Wikipedia soll es um 1800 in die deutsche Militärsprache entlehnt worden sein. Der Ursprung liegt aber im Germanischen: «haimgard» ist eine Zusammensetzung von «haim» = «Haus» und «gard» = «Gehege».

  • I wie Interieur: Inneneinrichtung eines Raumes. Das Adjektiv «intérieur» steht im Französischen für alles, was mit «innen» zu tun hat: innere/r, innerlich, inwendig, inländisch.

  • J wie jonglieren: Ein «jongleur» ist im französischen Sprachraum ein Gaukler oder Taschenspieler. Der lateinische «ioculator» wiederum war ein Spassmacher. Aus ihm ging das altfranzösische «jongler» = «scherzen» hervor. Wenn jemand mit der Sprache jongliert, verbinden wir das mit Spass und Lachen. Beim Jonglieren mit Bällen, Reifen oder Fackeln dominiert eher das Staunen.

  • K wie kurios: Ist unter Rückgriff auf «curieux» = «seltsam», «merkwürdig» ins Deutsche übernommen worden. Im Lateinischen stand «curiosus» für «wissenswert» oder «merkwürdig» im Sinne von: etwas ist würdig, dass man es sich merkt. Da das Wort offenbar inflationär in Büchern gebraucht wurde, verlor es an Aussagekraft und wurde immer öfter ironisch verwendet: merkwürdig wurde zum Synonym für komisch, seltsam, kurios.

  • L wie Lampion: Was heute eine Papierlaterne ist, war früher in der Bezeichnung «lampion» generell ein Lichtbehälter. Heute reden auch unsere französischen Nachbarn beim Laternenumzug von «défilé aux lampions».

  • M wie montieren: Das Verb «monter» = «aufsteigen», «hinaufgehen» ist den meisten aus dem Französischunterricht bekannt. Der Schwenk zur gängigen Bedeutung von montieren, also «ein Gerät aufstellen» oder «ein Möbelstück zusammenstellen», lässt sich so erklären: Im Mittelfranzösischen verwendete man «monter» auch, wenn jemand auf ein Pferd stieg oder wenn man jemanden mit einer Pferdeausrüstung ausstattete. Dieses Ausstatten hat sich in «montieren» gehalten. Heute sind es einfach die hölzernen Schaukelpferde von IKEA.

  • N wie Nuance: Steht für den feinen Unterschied. Der Begriff wurde zunächst im Kontext der Malerei verwendet und bezeichnete eine Schattierung oder farbliche Abstufung (frz. «nuer» = «schattieren»). Im französischen «nuance» hat sich dieser Zusammenhang gehalten. Im Deutschen zeigt sich die Abstufung eben im kleinen, feinen Unterschied.

  • O wie Offerte: Ob unsere Verkäufer beschwingter unterwegs sind, wenn sie wissen, dass «Offerte» vom französischen «offrir» = «anbieten», «darbringen» stammt?

  • P wie Potpourri: «Ungeordnetes Allerlei» übersetzt das Wörterbuch diesen Begriff. Tatsächlich: ein «pot-pourri» ist ein Eintopfgericht aus Fleisch und verschiedenen Gemüsesorten. Da «pourri» im Französischen für «verfault», «vergammelt» steht, müssen wir annehmen, dass solche Eintöpfe letzte Gelegenheiten waren, überreifes Gemüse noch zu verwerten. Heute assoziieren wir Potpourri eher mit einer liebenswerten, kunterbunten Ansammlung von Gegenständen.

  • Q wie Quarantäne: Was das ist, muss nicht mehr erklärt werden. Im Wort steckt die Zahl «quarante» = «vierzig». Sie spielt in der Bibel eine wichtige Rolle: 40 Tage lang fastete Jesus abgeschieden in der Wüste. Heutzutage können Quarantänen auch kürzer oder länger sein.

  • R wie Rendez-vous: Ist zum Date geworden, ein Anglizismus hat also den Gallizismus abgelöst. Wir verwenden den Begriff vielleicht noch scherzhaft. Älteren Semestern ist er aber schon noch geläufig.

  • S wie Silhouette: Ist ein Umriss, eine äussere Grenzlinie. Im Französischen hat «silhouette» mehrere Bedeutungen: Figur, Schattenbild, Umriss, Scherenschnitt. Effektiv zurück geht der Begriff auf den knausrigen französischen Finanzminister Étienne de Silhouette, der unter König Ludwig XV. neun Monate lang erfolglos versuchte, die Finanzen des Reichs wieder ins Lot zu bringen, ehe er entlassen wurde. Silhouette wurde nachgesagt, er würde sein Schloss mit Scherenschnitten statt mit Gemälden schmücken, so geizig sei er. Zahlreiche Karikaturen wurden von ihm gezeichnet.

  • T wie trist: Das französische «triste» heisst «traurig», «betrübt» – in dieser Bedeutung haben wir es ins Deutsche übernommen. Dazugekommen ist die Übersetzung «eintönig».

  • V wie virtuell: Einer der wenigen Begriffe der Digitalisierung, die wir nicht aus dem Englischen entlehnen. Das Französische «virtuel» geht zurück auf «virtus», ein lateinisches Wort, das mit «Kraft» oder «Tüchtigkeit» übersetzt werden kann. Etwas Virtuelles erscheint uns zwar echt, ist aber in der Realität nicht vorhanden. Es geht eine eigentümliche Kraft von ihm aus. Hier können wir einen Bezug zur «virtus» herstellen.

  • Z wie Zigarette: Stammt vom französischen «cigarette». Der Begriff war ursprünglich eine Verkleinerungsform für die «cigare», die grosse Zigarre. In der Sprache der Maya waren «zicar» gerollte Tabakblätter. Voilà!

Fazit

Mon Dieu, wir parlierten hier mit Niveau, quasi in der Haute Couture – nicht nur über illustre Bonmots, wir hatten auch elegante und raffinierte Bijous im Repertoire. Jetzt sind Sie dran: Finden Sie alle zehn Gallizismen in diesem Satz?

 

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