15.09.21 08:00 – UX-Design & Interactive, Mediengestaltung

Gestaltung beurteilen leicht(er) gemacht

Was ist gutes, was schlechtes Design? Eine Gestaltung ist schnell beurteilt: Aufs Bauchgefühl hören, spricht mich das Gestaltete an, ja oder nein? Man könnte sagen, in der Werbung entscheiden Kundinnen und Kunden genau gleich. Sie sehen ein Plakat oder eine Online-Anzeige, der Funke springt – oder eben nicht. Aber ganz so einfach ist es nicht.

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Gestaltung beurteilen mit Punkten – warum nicht? Bei mehreren Teilnehmenden hat dies Aussagekraft.

Gestaltung passiert nicht zufällig und nur aus dem Bauch heraus. Sie ist ein längerer Prozess. Dieser beginnt mit der Erteilung des Auftrags.

Der Auftrag

Bei der Auftragserteilung fallen manchmal Sätze wie «Wir brauchen einfach etwas ganz Neues» – «Etwas muss her, das noch nie gesehen wurde» – «Wir müssen völlig neu denken». Machen wir uns nichts vor: Alles wurde schon gesehen. Trotzdem ist es natürlich auch das Bestreben von Gestalterinnen und Gestaltern, Neues, Überraschendes zu schaffen, uns abzuheben. Ist auch viel spannender. Vielleicht wird es dann etwas, das schon lange nicht mehr gesehen wurde. Oder das besonders gut zum Zeitpunkt, zur aktuellen Stimmung passt.

Solche Ideen kommen nicht immer dann, wenn man sie braucht, und vor allem nicht unter Druck. Darum halten wir stetig Augen und Ohren offen für Inspiration, ob aus Natur, Kultur, Gesellschaft … Damit die Ideen dann da sind, wenn man sie braucht.


«Die Schwierigkeit liegt nicht darin, die neuen Ideen zu finden, sondern darin, die alten loszuwerden.»
John Maynard Keynes, Ökonom


Bei der Auftragserteilung helfen uns möglichst viele Informationen zum Produkt, zur Zielgruppe und zum Ziel an sich. Auch hilfreich sind Beispiele bestehender Designs, welche gefallen oder eben nicht.

Das Ziel

Ziele können zum Beispiel sein: Zielgruppen gezielter ansprechen, Wandel signalisieren, Verkauf steigern. Bei Webseiten Benutzerfreundlichkeit steigern, Verweildauer erhöhen usw. Wichtig ist, sich das Ziel bei der Beurteilung der Gestaltung nochmals ganz bewusst vor Augen zu führen.

Die Idee

Kreativität ist nicht reserviert für Designer. Alle Menschen tragen gute Ideen mit sich herum. Darum kann sich zu Beginn ein Brainstorming in einem grösseren Kreis lohnen. Je mehr Vielfalt, umso besser. Ideen sollten nicht schon während des Findungsprozesses beurteilt werden, sondern erst, wenn alles gesagt ist. Am besten nach klaren Kriterien, wie wir sie bei der Definition der Zielsetzung aufstellen.

Die Umsetzung der Idee

Okay, dieser Teil ist reserviert für Designer. Unsere Aufgabe ist es, den Ideen eine Form zu geben. Dies mittels Recherchen, Skizzen, Mockups, Schriftproben. Nach diesem Prozess treffe ich als Gestalterin bereits viele Entscheidungen und lege nur meine Favoriten zur Beurteilung vor.

Die Beurteilung

Gestaltung lässt sich nach verschiedenen Kriterien beurteilen. Sie sollten im Beurteilungsprozess mitberücksichtigt werden:

  • Gibt es einen klaren Schwerpunkt? Ist die Hauptbotschaft auf einen Blick erkennbar?
  • Stimmt die Hierarchie?
  • Balance und Anordnung: Stimmt das Gleichgewicht? Was ist gewünscht: Symmetrie = Ruhe im Bild oder Asymmetrie = Bewegung und Dynamik?
  • Kontrast. Er ist das, was Menschen meinen, wenn sie sagen, ein Design «fällt auf». Also helle vs. dunkle Farben, fette vs. leichte Schriften, grosse vs. kleine Bilder.
  • Wiederholung. Wiederkehrende Elemente stärken das Design. Ein Markenauftritt zum Beispiel wird durch das x-fach wiederholte Logo gefestigt.
  • Bewegung. Sind die Elemente einer Komposition so angeordnet, dass der Blick von einer Information zur nächsten geführt wird und die Informationen richtig an die Zielgruppe vermittelt werden?
  • Weissraum. Er ist nicht einfach da und tut nichts, sondern erzeugt Hierarchie und Ordnung. Mehr Weissraum erhöht das Leseverständnis und die Nutzerfreundlichkeit.


Marken_Redesign_before_after_new

Bekannte Marken vor und nach dem Redesign. Welche Aspekte machen die neuen Logos ansprechender?


Die Beurteilung von Farben finde ich persönlich schwieriger, auch wenn das nicht alle so sehen:

 

«Singen ist gefährlicher als Malen. Ein paar falsche Töne, und man wird von der Kritik zerrissen – ein paar falsche Farben, und man bekommt vielleicht einen Preis.»
Mario del Monaco, Opernsänger


Farben sind der emotionalste Teil beim Gestalten. Hier orientiere ich mich noch stärker nach Zielgruppen, Trends – oder Bauchgefühl.

Fazit

Wenn Gestaltung beurteilt wird, wünsche ich mir vor allem, dass sich die Betrachtenden etwas Zeit nehmen. Ein Sofort-Urteil ist mir manchmal suspekt, weil es einfach die Gewohnheiten, Vorlieben und Wertehaltungen der Betrachtenden widerspiegelt. Wünschenswert ist für mich, wenn anhand konkreter Beurteilungskriterien vorgegangen wird.

Und: Es sollte nicht unterschätzt werden, dass Menschen sich an ein bereits bestehendes Design gewöhnen und es irgendwie «gern haben» (denken Sie etwa an eine Zeitschrift, welche Sie regelmässig lesen, oder an ein Logo einer beliebten Marke). Etwas Neues ist ungewohnt – und wird oft zuerst reflexartig abgelehnt. Sich von diesem zu lösen und sich auf das Neue einzulassen, das ist vielleicht der schwierigste Teil.

Quellen: page-online.de; 99designs.de; Underconsideration.com (Bilder)

 

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