04.03.21 17:44 – Prozessoptimierung

Die Kunst der konstruktiven Kritik

«Nehmen Sie das nicht persönlich …» Mit diesem Satz beginnen oft Kritik-Gespräche. Man versucht untereinander Ursachen von Problemen zu besprechen und nennt dabei Eigenschaften, Verhaltensweisen, Schwächen des Gegenübers, die man als problematisch einstuft. Man versucht sachlich zu bleiben und den Fokus von Persönlichem wegzunehmen. Und doch gelingt Kritik im Alltag oft nicht so, dass sie einen konstruktiven Nutzen herbeiführt. Weshalb?

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Diese Frage beschäftigt mich schon lange. Ich habe zwar schon diverse Antworten darauf erhalten, aber diese genügen mir so nicht. Ich persönlich glaube, dass dahinter etwas ganz anderes steckt – etwas, das weitreichende Folgen haben kann.

Unter welchen Voraussetzungen kann Kritik konstruktiv sein?

Kritik kann meiner Meinung nach nur dann konstruktiv wirken, wenn …

  • … allen Beteiligten das Problem klar ist.
  • … alle am Gespräch Teilnehmenden sich bewusst sind, was sie zur Problembehebung beitragen können.
  • … jegliche Faktoren in der Kommunikation zwischen den Beteiligten ausgeklammert sind, die in diesem Zusammenhang unrelevant sind. (Damit meine ich alle Formen von Kommunikation: bewusst, unbewusst, ausgesprochen, unausgesprochen.)

Was muss jeder Einzelne beitragen, um diese Voraussetzungen sicherstellen zu können?

  1. Information: Sich darum kümmern, dass alle verstehen, um was es bei dem Problem geht.
  2. Selbstreflexion: Was trage ich zum Problem bei, was tragen andere dazu bei?
  3. Offene, faire und sachbezogene Kommunikation im Alltag: Vorurteile, Ängste, Unsicherheiten usw. nicht in das Kritik-Gespräch einbeziehen, sondern im Alltag miteinander klären.

Wie das «Nicht-persönlich-Nehmen» Kritik unwirksam machen kann

Kritik ist den meisten Menschen unangenehm: Hauptsächlich derjenigen Person, welche die Kritik empfängt, aber auch dem Sender. Das bedeutet, dass die Kritik-Kommunikation unter ungünstigen Vorzeichen steht. Um sich selbst vor dem Unangenehmen zu schützen, werden unbewusst Barrieren aufgezogen. Ich vermute, viele Kritiker glauben, dass sie durch die Klarstellung «Nehmen Sie das nicht persönlich» diese Schutzbarriere auflösen und damit erreichen, dass Kritik akzeptiert wird. Meiner Meinung nach funktioniert das aber nicht. Kritik muss immer persönlich genommen werden, wenn sie konstruktiv sein soll, denn ein Problem hat immer mit den Personen zu tun, die darin involviert sind.

Was bedeutet «persönlich nehmen»?

«Persönlich nehmen» bedeutet «etwas oder eine Sache persönlich nehmen». Darin liegt immer noch wahnsinnig viel Interpretationsspielraum. Und genau das ist das Problem: Mit diesem Satz impliziert man in der Konflikt-Kommunikation eine Menge und öffnet das Feld für unendlich viele Missverständnisse.

Ein Beispiel: Automechaniker Serge vergisst beim Service, an einem Auto die Radmuttern genügend festzuziehen. Die Folge: Nach wenig gefahrenen Kilometern lösen sich diese und das Rad fällt ab. Es kommt zu einem Autounfall. Der Werkstattleiter sitzt mit Serge zusammen und kritisiert: «Der Autounfall passierte, weil du die Radmuttern zu wenig fest angezogen hast. Das hat nichts mit dir persönlich zu tun, aber du bist meiner Meinung nach zu stark abgelenkt bei der Arbeit. Versuche dich besser zu konzentrieren. Und wie gesagt, das hat nichts mit dir persönlich zu tun.» Serge verlässt das Gespräch und denkt sich: «Mist, ich war tatsächlich abgelenkt. Aber doch nur deshalb, weil ich mit diesem kaputten Werkzeug arbeiten muss. Ich hab mich doch schon zigmal beim Werkstattleiter darüber beschwert und er reagiert trotzdem nicht.»

Die Ursache für das Problem war also, dass Serge sich von seinem eigenen Ärger ablenken liess und dies zu einem Fehler in der Arbeit führte. Dass Serge so reagiert, ist seine persönliche Entscheidung, geprägt von seiner Persönlichkeit und seinem Charakter. Er entscheidet, auf was er seinen Fokus legt, und trägt die Konsequenzen dieser Entscheidung. Deshalb ist die Aussage des Werkstattleiters, er dürfe die Kritik nicht persönlich nehmen, falsch. Denn bringt sie Serge zur Erkenntnis, dass die Ursache des Problems nicht in seiner Person liegt, löst sie genau das Gegenteil von dem aus, was sie bewirken wollte. Serge sollte ja sein persönliches Verhalten überdenken und Massnahmen ergreifen. Ob es ein neues Werkzeug gibt, liegt nicht in seiner Macht, aber wie er mit dem Problem umgeht und seine Arbeit macht, schon.

Uns mit dem beschäftigen, was wir verändern können

Ein Psychologe verband in einem Blogbeitrag, den ich kürzlich gelesen habe, das Thema «persönlich nehmen» ebenfalls mit Kritik und der Abneigung der Menschen vor ihr. Er beobachtet, dass wir zu vieles persönlich nehmen, auf das wir keinen Einfluss haben, und so zu wenig Kapazität haben, uns um das zu kümmern, was wir verändern können und sollten. Ergänzend möchte ich anfügen, dass dies nicht nur für den Empfänger, sondern auch für den Sender der Kritik gilt. Spricht dieser Dinge an, die nicht in der Macht des Empfängers liegen, muss der Empfänger sich unweigerlich mit etwas beschäftigen, das ihn von dem abhält, was er wirklich beeinflussen kann.


Mein Fazit: Nehmen Sie konstruktive Kritik immer persönlich!

 

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