02.02.22 08:00 – Kommunikation, Trends

Blättern oder scrollen? Warum wir offline und online unterschiedlich lesen

Ein guter Text packt die Leser, egal ob auf einem Notizzettel, in einer Zeitschrift oder auf einer Website. Aber: Menschen lesen online anders als offline. Wie lässt sich das erklären? Wir sind auf unserer Spurensuche auf mehrere Gründe gestossen.

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Eine Person sitzt im Zug und nimmt eine herumliegende Zeitschrift zur Hand. Sie blättert darin herum, findet einen Artikel, der sie anspricht, und beginnt zu lesen. Die Person daneben packt ihr Handy aus, scrollt, tippt und liest etwas auf dem Bildschirm. Beide Personen lesen. Aber passiert hier wirklich das Gleiche?

Offline tauchen wir ein

Die Wahrscheinlichkeit, dass die Person mit der Zeitschrift einen ganzen Artikel liest, ist ziemlich hoch. Und es ist sehr gut möglich, dass sie im gleichen Heft anschliessend einen weiteren Beitrag liest, auch wenn dieser sie auf den ersten Blick vielleicht nicht sofort angesprochen hat. Der Grund: Nehmen wir ein Printprodukt zur Hand, dann haben wir uns mit dem Zugreifen aktiv für dieses Medium entschieden. Wir fokussieren unsere Aufmerksamkeit auf diese eine Quelle von Information und können so gut in den Text eintauchen. Das geschieht besonders dann, wenn wir schon einmal eine Ausgabe dieser Zeitschrift in den Händen hatten und darum die Rubriken, den Stil, die thematische Ausrichtung wiedererkennen. Es entsteht rasch eine gewisse Loyalität zwischen Mensch und Medium, wir lassen uns mehr oder weniger linear durch den Text führen.

Online geht’s oft husch, husch

Während das Lesen eines Printtextes eine bewusstere Entscheidung und auch eine körperliche Handlung ist, wollen wir online schnellen Zugriff auf Ergebnisse und sind in ständiger Absprungbereitschaft. Online lesen wir am häufigsten dann, wenn wir etwas Bestimmtes suchen, wenn wir zum Beispiel Stichworte zu einer Frage oder einem Problem in Google eingetippt haben. Im Gegensatz zu Printtexten werden Texte online darum oberflächlicher gelesen. Sie werden auf der Suche nach relevanten Schlagwörtern überflogen und viel häufiger gescannt statt ganz gelesen. Wir lesen punktuell dort, wo eine Überschrift, ein Bild oder ein Stichwort unser Interesse weckt, teilweise überspringen wir ganze Absätze. Zeile für Zeile vollständig gelesen wird online nur selten.

Ablenkungspotenzial ist hoch

Ein Text im Netz steht in ständiger Konkurrenz zu einer unglaublichen Menge an anderen Informationen. Einerseits zu weiteren sichtbaren Texten – etwa in einer Sidebar mit Werbung, einem News-Ticker, einem Navigationsmenü, einer Infografik oder sonstigen Website-Elementen. Andererseits zu den vielen weiteren Tabs zum gleichen Thema, die jemand nach einer Google-Suche im Browser geöffnet hat. Und zu all den Abermilliarden anderen unterhaltsamen und spannenden Dingen, die die Weiten des Internets zu bieten haben. Wir sind darum online mit verkürzter Aufmerksamkeitsspanne unterwegs und ständig bereit, zugunsten eines vielversprechenderen Textes abzuspringen.

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Wenn wir online lesen, ist die Versuchung gross, mit Scrollen ganze Absätze zu überspringen.

 

Nicht wissen, auf was wir uns einlassen

Ein weiterer «Aufmerksamkeitsfresser» ist, dass wir online oft nicht sofort den ganzen Text überblicken können. Für Printtexte haben sich über lange Zeit hinweg gut einschätzbare Textsorten herausgebildet. Es ist uns klar, was ein Editorial im Vergleich zu einem Interview oder einer Produktrezension bietet und mit welchem «Leseaufwand» wir rechnen müssen, sowohl zeitlich als auch im Grad der Konzentration. Während in einem Printprodukt direkt ersichtlich ist, ob es sich zum Beispiel um eine grosse mehrseitige Reportage oder eine kurze Kolumne handelt, wissen wir online oft nicht auf den ersten Blick: Mit welcher Art Text habe ich es hier überhaupt zu tun? Wie lang ist er? Lohnt es sich wirklich, mit diesem Text anzufangen? Nach dem Lesen von Überschrift und erstem Absatz scrollen wir darum häufig erst mal nach unten und versuchen, wichtige Orientierungspunkte (z.B. Zwischenüberschriften) und das Textende aufzuspüren. Wir tasten den Text ab und tauchen je nachdem nur punktuell oder gar nicht mehr ein.

Zusätzliche Faktoren können die Konzentration beim Online-Lesen stören: problematisches Webdesign (z.B. wenn ein Text durch einen Werbebalken unterbrochen wird und nicht klar ist, wo er weitergeht), schlecht geeignete Schriften oder Farben, ungünstige Bildschirmhelligkeit oder -auflösung, blinkende oder sich bewegende Elemente, Pop-up-Felder oder Sounds. Und beim Lesen auf dem Handy kommen noch der kleine Bildschirm und ablenkende Push-Nachrichten hinzu.

Texte an Leseverhalten anpassen

Online-Texte sollten aus all diesen Gründen an das typische Leseverhalten von Internetusern angepasst sein. Damit trotz der verkürzten Aufmerksamkeitsspanne dennoch Inhalte vermittelt werden können, muss ein Online-Text so konzipiert sein, dass Leser und Leserinnen die Informationen besonders schnell finden und erschliessen können. Was das beim Planen und Schreiben konkret heisst, zeige ich Ihnen in einem weiteren Blogbeitrag zum Thema.

PS: Mein herzlicher Glückwunsch, wenn Sie es tatsächlich bis hierher geschafft haben! Wenn Sie sich für die Details der Leseforschung interessieren, empfehle ich als Belohnung diesen Artikel. Sie werden ihn garantiert nicht zu Ende lesen.

 

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